„Freiamt bringt’s“ – Online beim Lieblingsbäcker einkaufen

18. Mai 2010

Europäisches Modellprojekt soll Versorgungsmöglichkeiten in ländlichen Gebieten stärken

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Metzger, Bäcker, Lebensmitteleinzelhändler und Marktbeschicker aus der Gemeinde Freiamt im Landkreis Emmendingen haben sich zusammengetan, um gemeinsam den ersten virtuellen Freiämter Einkaufsladen zu betreiben und einen Lieferdienst anzubieten. Bürgermeisterin Hannelore Reinbold-Mench und die Projektpartner vom Regionalverband Südlicher Oberrhein und der Technischen Universität Kaiserslautern haben gestern (17. Mai 2010) gemeinsam den Online-Shop www.freiamt-bringts.de eröffnet. „Freiamt bringt’s“ ist eine Initiative des Europäischen Projekts ACCESS, das helfen will, die Grundversorgung und deren Erreichbarkeit im ländlichen Raum zu verbessern.

Herzhafte Wurst vom Metzger Ihres Vertrauens, knusprige Brötchen, frisches Obst und Gemüse aus kontrolliertem Anbau – Einkaufen in ländlichen Regionen nimmt sich wie ein Idyll aus. Leider sieht die Realität in vielen Landstrichen anders aus. Zahlreiche Lebensmittelhändler, ‑hersteller und Dienstleister auf dem Land konnten dem Preiskampf der Discounter und Handelsketten nicht mehr standhalten. Sie mussten bereits schließen, obwohl sie hervorragende Qualität und oftmals weitergehende Serviceleistungen anbieten.

Die Europäische Union will diesen Trend stoppen. „Mit Hilfe des INTERREG-Projekts ACCESS wollen wir Hilfestellungen geben, die Grundversorgung im ländlichen Raum zu verbessern. Dazu gehört einerseits, die kleinteilige Einzelhandelsstruktur und andere Dienstleistungsangebote zu sichern. Andererseits ist aber auch deren Erreichbarkeit mit dem öffentlichen Nahverkehr und mit Hilfe moderner Kommunikationsmittel zu verbessern“, erläutert Dr. Dieter Karlin, Direktor des Regionalverbands Südlicher Oberrhein. „Wir stehen vor der Herausforderung, dass wir in Zukunft weit mehr Senioren-Haushalte haben werden, die auf wohnortnahe Versorgungsmöglichkeiten oder Lieferdienste angewiesen sind. Daher war es unser Ziel, zukunftsfähige Strukturen zu entwickeln und zu etablieren, die den Menschen den Alltag erleichtern und Händlern vor Ort eine Perspektive geben. Mit der Initiative „Freiamt bringt’s“ haben wir diese Kriterien bestens erfüllt“. Zugleich, so betont Dr. Karlin, müsse ein solches Modellprojekt auch im Zusammenhang mit der laufenden Teilfortschreibung des Regionalplans gesehen werden: „Die modellhafte Umsetzung stellt hier eine wertvolle Ergänzung zu den formellen Steuerungsmöglichkeiten der Regionalplanung dar, die sich auf Einzelhandelsgroßprojekte beschränken.“

Von Freiämtern, für Freiämter

Der Online-Shop auf www.freiamt-bringts.de bietet den Bürgern von Freiamt die Möglichkeit, zu jeder Zeit viele Waren der ortsansässigen Händler zu bestellen. Um Mitbürgern ohne Internetanschluss ebenfalls die Möglichkeit zu bieten, von Zuhause aus einzukaufen, können die Waren auch über ein Formular, das dem Gemeindeblatt beiliegt, über Fax und Telefon bestellt werden. An zwei Tagen in der Woche werden die Waren dann direkt an die Haustür geliefert. Trotz des fachlichen und organisatorischen Überbaus, wie er zur Einwerbung europäischer Fördermittel notwendig ist, ist es gelungen, dass „Freiamt bringt’s“ ausschließlich von Menschen und Institutionen vor Ort getragen wird: Den Lieferdienst hat ein Pflegedienst aus Freiamt übernommen, die Verwaltung des Shops erledigen zwei Freiämterinnen, der örtliche Gewerbeverein hat für Transportkisten gesorgt und das Deutsche Rote Kreuz Ottoschwanden-Freiamt e. V. fungiert vorerst als Träger der Initiative.

Prof. Dr. Gabi Troeger-Weiß, die die Initiative mit ihrem Team vom Lehrstuhl für Regionalentwicklung und Raumordnung der Technischen Universität Kaiserslautern die wissenschaftlich berät, erläutert: „Durch eine umfassende Haushaltsbefragung und vielen Einzelgesprächen konnten wir die Projektidee auf die individuellen Anforderungen in Freiamt hin ausgestalten. Auch über den Start von „Freiamt bringt‘s“ hinaus werden wir die Initiative noch über ein Jahr begleiten können.“ Danach, so die Zielsetzung der Europäischen Union als Fördermittelgeber, sollten die Akteure vor Ort selbst verantwortlich sein. „Wir haben deshalb von Beginn an darauf geachtet, Strukturen zu schaffen, die sich ohne unseren Beistand weiterentwickeln können und eine wirtschaftliche Tragfähigkeit erwarten lassen“, so Prof. Dr. Gabi Troeger-Weiß. Sie betont, dass dafür neben den Senioren, die vielfach schon heute auf Lieferdienste zurückgreifen, mit dem Online-Shop bewusst auch Berufstätige und Pendler angesprochen werden sollen, denen schlicht die Zeit fehlt, um in Freiamt einzukaufen.

Regionale Gestaltung für den Online-Shop

Auch technisch müssen die Freiämter nach diesem Jahr alles selbst im Griff haben. Noch haben sie dafür die Freiburger Kommunikationsagentur Schleiner + Partner an ihrer Seite. Die Agentur hat die Gestaltung und technische Umsetzung des Shops und der Kommunikationsmittel übernommen. „Als wir vor einigen Monaten erstmals mit dem Regionalverband und der TU Kaiserslautern zusammen kamen, mussten wir noch einiges über Grundversorgung im ländlichen Raum lernen. Der Online-Shop war für uns eine Herausforderung, hier mussten Logik und Logistik stimmen. Darüber hinaus wollten wir dieser regionalen Initiative auch ein regionales, ein persönliches Gesicht geben. Wir haben den Shop und die Kommunikationsmittel deshalb mit authentischen Bildern gestaltet“, so Michael Schleiner, Geschäftsführer von Schleiner + Partner. Der Agentur war besonders wichtig, dass die Menschen sich in der Gestaltung wiederfinden. Zudem wurde die Verwaltung des Shops einfach konzipiert, damit die Freiämter ihn später selbständig pflegen können.

Innovative Gemeinde

Dass gerade Freiamt als Modellgemeinde ausgewählt wurde, kommt nicht von ungefähr. Die Gemeinde war bereits zuvor an einem EU-Projekt beteiligt und auch der vielfältige Zusammenhalt, der dort herrscht, prädestiniert sie für ACCESS. Für Bürgermeisterin Hannelore Reinbold-Mench passt „Freiamt bringt’s“ sehr gut zu ihrer Gemeinde: „In Sachen Energiegewinnung haben wir unseren Mut zur Innovation schon mehrfach bewiesen. Inzwischen produziert unsere Gemeinde durch Windkraft-, Wasserkraft- und Biogasanlagen mehr Strom als sie verbraucht.“ Sie zeigt sich überzeugt, dass die Initiative „Freiamt bringt’s“ die Gemeinde weiterbringen wird: „Wenn die neue Einkaufsmöglichkeit rege genutzt wird und Erfolg hat, haben alle etwas davon: die Freiämter, die weiterhin hochwertige Produkte aus ihrer Region kaufen können, und die Einzelhändler, die einen erfolgversprechenden Vertriebsweg aufbauen konnten.“

Die Projektpartner sind zuversichtlich, dass die Initiative „Freiamt bringt’s“ zum Vorbild werden kann für viele ländliche Gebiete. Eine gute Gelegenheit dafür wird sich schon im Herbst diesen Jahres ergeben, wenn die acht Modellregionen des EU-Projekts ACCESS aus Deutschland, Frankreich, Österreich, Italien und der Schweiz nach Freiamt kommen und sich über die Umsetzung der jeweiligen Pilotprojekte austauschen werden.

„Freiamt bringt’s“ (www.freiamt-bringts.de) ist eine Initiative des INTERREG IV B-Projekts ACCESS (www.access-alpinespace.eu), gefördert im Rahmen des Alpenraum-Programms der Europäischen Union.

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